Judentum ist kein Platzhalter für Israel

unsere Communities sind in der Verantwortung sich mit antisemitischen Takes und jüdischen Wirklichkeiten auseinanderzusetzen

Mir ist es wichtig vorab zu sagen: ich schätze xartsplitta als Organisation, als Konzept, als Raum sehr, ich weiß um seine Bedeutung und will diese nicht in Frage stellen!

Ich betone das, weil ich weiß wie schnell dies hier in die eine oder andere Richtung kippen kann. Dennoch oder vielleicht deswegen finde ich es gerade bei einem Raum wie xartsplitta besonders schmerzhaft, wenn offenkundig der Unterschied zwischen Israel und Judentum nicht verstanden wird.

Am 1. Oktober findet ein Panelgespräch der Reihe „Radikale Solidarität – jüdisch-muslimische Beziehungen und Solidaritäten“ statt. Ich war hochgradig irritiert, zunächst von dem Fakt, dass es wie immer nicht geschafft wird eine jüdische Person aus Deutschland einzuladen. Das klingt erstmal seltsam, aber in vielen Fällen, werden statt Jüd:nnen die hier aufgewachsen sind und zu innerjüdischen Themen arbeiten, Jüd:innen mit Außenperspektive eingeladen. Was BIPoCs für antirassistische und Schwarze Themen ZURECHT kritisieren, wird bei jüdischen Themen und Antisemitismus hingenommen. Aber schon im weiterlesen wird deutlich: hier geht es gar nicht um jüdisch muslimischen Dialog! Das Thema ist sehr eindeutig Israel Palästina. Eindeutig benannt wird das jedoch an keiner Stelle.

Stattdessen wird Israel durch jüdisch ersetzt. Erst durch den Subtext und dann durch die Inhalte wird deutlich worum es eigentlich geht:
Alana Lentin hält einen Vortrag über Kapitel 4 ihrer neueste Publikation Why Race Still Matters (Polity, 2020): https://mobile.twitter.com/Sisyphusa/status/1279687764443832321/photo/1, Anaheed al-Hardan wird in ihrem Vortrag zum Thema: “Anti-koloniale und radikale Solidarität im Kontext von Süd-Süd Allianzen” sprechen.

Das Panel gehört zu zwei voran gegangenen Workshops. Angekündigt werden diese mit „Mit diesem Workshop soll die Möglichkeit geboten werden, in einem geschützten Raum aus einer dezidiert intersektionalen und dekolonialen Perspektive das Thema „jüdisch-muslimische Beziehungen und Solidaritäten“ zu beleuchten und dazu ins Gespräch zu kommen.“ Gemeint ist wieder Israel Palästina, was kurz darauf im Ankündigungstext deutlich wird: „Hier wird es insbesondere um den Austausch zu und die Weiterentwicklung von solidarischen Strukturen und Strategien zwischen jüdischen und muslimischen Communities (und darüber hinaus) gehen. Zentral wird dabei auch der Fokus auf mögliche gemeinsame Strategien des gegenhegemonialen Erzählens sein.“

Die Eingeladenen sind Prof. Dr. Iman Attia, die ich sehr schätze, Tuğba Tanyilmaz, deren Arbeit ich großartig finde und May Zeidani Yufanyi, die ebenfalls mega wichtige Arbeit leistet. Aber schon bei der Liste der geladenen Gäste für die Veranstaltungen, wird die Schieflage und Falschbezeichnung der Veranstaltungsreihe deutlich. Besonders perfide ist dabei der Satz „Zentral wird dabei auch der Fokus auf mögliche gemeinsame Strategien des gegenhegemonialen Erzählens sein.“ Hier wird deutlich, dass Judentum und Israel gleichgesetzt werden, was eine zutiefst antisemitische Praxis ist und das „gemeinsam“ ist in Anbetracht der Besetzung aller Veranstaltungen eine Frechheit.

xartsplitta macht eine Veranstaltungsreihe zu Israel und Palästina. Das ist total okay. xartsplitta macht eine Veranstaltung zu Israel und Palästina mit einer sehr einseitigen Perspektive, die gerade in Deutschland vielleicht Mehrperspektivität braucht, aber soweit sind unsere Diskurse noch nicht, muss man hinnehmen. Was absolut nicht okay ist und ein Instrumentalisierung ohnegleichen, antisemitische Reproduktion und zeigt, dass xartsplitta ihre Hausaufgaben machen muss: Judentum und Israel gleichzusetzen. Solch eine Veranstaltung als jüdisch zu labeln, um der Kritik, die eine klare Benennung der Veranstaltung u.U. mit sich gebracht hätte zu vermeiden, ist unmöglich. xartsplitta hat sich in der Vergangenheit nicht für Jüd:innen oder jüdische Themen interessiert. Bei Einladungspolitiken ist die Haltung klar: weiße Jüd:innen sind ausschließlich weiß. Dass Jüd:innen in Deutschland nicht hegemonial weiß sind, spielt keine Rolle. Das macht es noch bitterer, dass die einzige vermeintlich jüdische Veranstaltung, die xartsplitta macht, eine ist die „jüdisch“ nur als Platzhalter für Israel nutzt. xartsplitta setzt sich nicht mit Antisemitismus auseinander und hat sich in der Vergangenheit nicht als jüdischer Raum verstanden. Umso ärgerlicher ist es, dass xartsplitta „jüdisch“ nur als antisemitischen Take im Programm hat, um Konflikte zu vermeiden. xartsplitta, ist ein Raum, der sich offensichtlich nicht mit jüdischen Lebensrealitäten in Deutschland und hegemonialen Diskursen über Jüd:innen auseinander setzt. Ich sage nicht, dass die Veranstaltung inhaltlich antisemitisch ist, das ist ein Pulverfass, dass ich nicht öffnen werde, aber das Setting und Wording ist missbräuchlich und zeugt von Unwissenheit, die so in unseren Communities nicht herrschen sollte oder gewollter Inkaufnahme, was ein Schlag ins Gesicht wäre.

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