Es geht (literally) um unser Leben

Wir atmen durch Stoff, waschen uns die Hände, halten Abstand, bleiben zuhause – wenn möglich. Verlegen unser Privatleben in die digitale Welt. Vielleicht auch unser Arbeitsleben. Für viele bedeutet das eine große Umstellung. Für andere eher weniger. Die Anspannung ist spürbar.

Die Isolation trifft mich nicht so sehr. Ich bin geübt. Nach den Operationen oder wenn die Schmerzen groß sind, findet mein Alltag wochen- oder monatelang in meinen eigenen 4 Wänden statt. Und trotzdem bin ich müde. Es ist als wäre die gesamte Luft, das Internet, die Medien durchtränkt von Cortisol. Stress, Anspannung, zum Zerreissen gespannte Nerven. Und während jeder nach und nach zur Expertin zu werden scheint, bleibt irgendwie außer Acht wie komplex die Situation ist. Wir fordern von einander Konstruktivität, in einer Situation, die uns alle kopflos macht, die für uns alle unbekannt ist, die uns alle aus unseren Strukturen hebelt. Es gehen Memes durch die sozialen Medien, dass es okay ist, in der aktuellen Situation nicht produktiv zu sein (es ist sowieso immer okay nicht produktiv zu sein), aber gleichzeitig verlangen wir in unseren Polit-Communities Besonnenheit. Vorschläge, wie für alle das Maximum an Freiheit in der aktuellen Situation möglich ist. Das ist für mich links angemalter Neoliberalismus. Es ist okay gerade kopflos zu sein und trotzdem MUSS gleichzeitig Konsens sein, dass Menschenleben oberste Priorität besitzen.

Es ist wie ein Schlag ins Gesicht, wenn junge, ableisierte, gesunde Leute, arrogant über die Abwägung von Gefährdungen, das Recht auf Versammlungen oder den autoritären Staat rumschwadronieren und theoretisieren. Wenn Du keine Sorge um Dein Leben hast – okay, aber was gibt Dir das Recht, auf das Leben anderer zu scheißen? Wann ist das linke Praxis geworden? Dabei ist mir bewusst: die Grundrechte sind eingeschränkt und das sollten wir nicht aus den Augen verlieren. Aber auffällig ist auch: es sind nicht die kranken, behinderten Menschen, die diesen relativierenden Bullshit abgeben, wie all jene, denen es gerade zu unbequem ist oder die als einzige linke Referenz momentan auf ihrer Antifa-Sozialisation hängengeblieben sind. Menschen haben Angst um ihr leben. Reelle Angst. Menschen, für die sich Gesellschaft ohnehin schon nicht interessiert und pseuso-linkes Gepose ist weder solidarisch noch zeugt es von irgendeiner Form von Awareness. Wenn Leuten unterstellt wird, sie nehmen Corona nicht ernst: vielleicht ist ja was dran… Weil manche von uns werden sterben und es ist wahrscheinlich nicht Antifa-Klaus.

Und ja, wir müssen über Polzei-Willkür sprechen, wir müssen über Formen des politischen Protestes sprechen (schaut Euch #fff an, die haben es auch hinbekommen). Aber wer glaubt staatlich legitimierte Demonstrationen seien die einzige Möglichkeit für politische Veränderung und Sichtbarkeit, hat auch nicht viel verstanden, außer das eigene Ego.

Wir müssen auch über deutsche Hörigkeit sprechen, aber ein Teil davon rettet uns gerade den Arsch. Deswegen gibt es bei uns nur Ausgangsbeschränkungen und keine Ausgangssperren oder gar einen Lock Down, weil es halbwegs funktioniert. Und trotzdem wird an jeder Ecke Denunziation geschrieen. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen jenen, die bspw. wegen jedem Scheiß die Bullen rufen und jenen, die emotional auf Bilder oder Situationen reagieren, auf/in denen (viele) Menschen nah beieinander sind. Denn wir leben nicht in einer linken Utopie, in der alle aufeinander achten. Die Realität ist, dass ein Haufen Leute gerade bereit sind anderer Menschen Leben zu gefährden, weil sie glauben, dass es sie nicht betrifft. So wie es halt immer läuft. Das macht viele hilflos. Gepaart mit dem allgemeinen Gefühl des Kontrollverlustes und ja, das trifft wahrscheinlich jene besonders hart, die es gewohnt sind das Gefühl zu haben etwas unter Kontrolle zu haben. Das macht es gefährlich. Darüber können wir reden. Und trotzdem ist die Angst, der wir hier begegnen keine vermeintliche Angst wie die irgendwelcher „WutbürgerInnen“. Es ist eine reelle Angst. Menschen sterben aktuell. Mehr Menschen werden sterben. Viele Menschen, die nicht sterben, werden körperliche Schäden zurück behalten. Für einen Großteil der jungen, ableisierten, gesunden Bevölkerung klingt das abstrakt. Weit weg. Und realistisch betrachtet werden sie auch die Gruppe sein, die es am wenigsten trifft. Gerade deswegen sollte sie einen Gang zurück schalten, uns zuhören und Mitverantwortung tragen, damit von uns anderen so wenige wie möglich sterben. DAS sollte linker Konsens sein… Das ist alles an Konstruktivität, was ich anbieten kann.

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